Samstag, Februar 7, 2026

Character.AI transformiert sich in eine Multimedia-Plattform mit KI-Videos und sozialen Features

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Die Google-verknüpfte Plattform erweitert ihre Chatbot-Services um AvatarFX-Videogenerierung, interaktive Szenen und Community-Features – während gleichzeitig Sicherheitsbedenken und rechtliche Herausforderungen das Wachstum überschatten

Character.AI durchlebt einen fundamentalen Wandel. Was als experimentelle Text-Chat-Plattform für KI-generierte Charaktere begann, entwickelt sich zu einem umfassenden Multimedia-Ökosystem. Am 2. Juni 2025 kündigte das Unternehmen eine Reihe neuer Features an, die das Nutzererlebnis grundlegend verändern sollen – und gleichzeitig neue Fragen über die Sicherheit und den verantwortlichen Umgang mit KI-Technologie aufwerfen.

AvatarFX: Wenn Bilder sprechen lernen

Das Herzstück der Neuerungen ist AvatarFX, ein KI-Videomodell, das statische Bilder in animierte, sprechende Charaktere verwandelt. Nach einer einmonatigen Beta-Phase für zahlende Abonnenten steht die Technologie nun allen Nutzern zur Verfügung – mit einem Limit von fünf Videos pro Tag.

Character.AI hat über 28 million monatlich aktive Nutzer weltweit aufgebaut, die regelmäßig mit KI-Charakteren interagieren. Die Plattform ermöglicht es Nutzern, individuelle KI-Persönlichkeiten zu erstellen und mit ihnen zu chatten – von historischen Figuren bis hin zu völlig fiktiven Charakteren.

„Character.AI begann als 1:1-Textchat und heute entwickeln wir uns zu so viel mehr, inspiriert von dem, was unsere Nutzer uns gesagt haben, dass sie auf der Plattform sehen wollen“, schreibt das Unternehmen in seinem offiziellen Blog. Diese Expansion in eine „multimodale Welt“ repräsentiert einen strategischen Schritt, um mit Konkurrenten wie OpenAI’s Sora zu konkurrieren.

Technische Innovation mit beeindruckenden Fähigkeiten

AvatarFX unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von anderen Text-zu-Video-Generatoren: Es kann top-qualitative Videos aus bereits existierenden Bildern generieren, anstatt sich auf Text-zu-Bild-Generierung zu verlassen. Nutzer können ein Foto hochladen, eine Stimme auswählen und Text eingeben, den der Charakter sprechen soll.

Die technischen Fähigkeiten sind beeindruckend. Das System kann photorealistische Videos mit Audio generieren, starke zeitliche Konsistenz mit Gesichts-, Hand- und Körperbewegungen aufrechterhalten und sogar Videos mit mehreren Sprechern erstellen. Die Technologie basiert auf einer „parameter-effizienten Trainings-Pipeline“, die auf DiT-Architektur (Diffusion Transformer) aufbaut.

Neue soziale Dimensionen

Neben AvatarFX führt Character.AI drei weitere bedeutende Features ein:

Scenes ermöglichen es Nutzern, ihre Charaktere in vorgefertigte Geschichten einzubetten. Diese interaktiven Erzählwelten sind zunächst in der mobilen App verfügbar, später sollen Ersteller auch eigene Szenen entwickeln und veröffentlichen können.

Streams funktionieren wie ein Regiestuhl für Nutzer: Sie können zwei beliebige Charaktere auswählen, ein Thema vorgeben und zusehen, wie die KI-Figuren miteinander interagieren. Diese Funktion ist sowohl auf der Website als auch in der mobilen App verfügbar.

Ein Community Feed soll schließlich alle diese Inhalte in einem scrollbaren Format zusammenführen und als „neue Eingangstür zu den aufregendsten Inhalten der Plattform“ dienen.

Der Google-Kontext: Ein komplexes Verhältnis

Character.AIs Transformation findet vor dem Hintergrund einer komplexen Beziehung zu Google statt. Im August 2024 brachte Google die Gründer Noam Shazeer und Daniel De Freitas sowie rund 30 Schlüsselmitarbeiter zurück ins Unternehmen – als Teil eines 2,7-Milliarden-Dollar-Deals.

Diese ungewöhnliche „Acqui-Hire“-Struktur führte dazu, dass Character.AI seine Strategie grundlegend überdenken musste. Das Unternehmen stellte die Entwicklung eigener Large Language Models ein und konzentriert sich nun auf seine Consumer-Plattform. Dominic Perella, der General Counsel des Unternehmens, übernahm als Interim-CEO.

„Es wurde wahnsinnig teuer, Frontier-Modelle zu trainieren… was selbst mit einem sehr großen Startup-Budget extrem schwer zu finanzieren ist“, erklärte Perella in einem Interview mit der Financial Times.

Sicherheitsbedenken und rechtliche Herausforderungen

Bildplatzhalter 4: [Grafische Darstellung der Sicherheitsmaßnahmen und Kontroversien]

Die Fähigkeit, beliebige Bilder zu animieren, öffnet Tür und Tor für Missbrauch. Nutzer könnten theoretisch Fotos von Prominenten oder Bekannten hochladen und sie manipulierte Aussagen treffen lassen. Character.AI versucht diesem Problem entgegenzuwirken, indem es Wasserzeichen auf Videos anwendet und die Generierung von Videos mit Minderjährigen blockiert.

Diese Sicherheitsbedenken sind nicht neu für Character.AI. Das Unternehmen sieht sich mit mehreren Klagen von Eltern konfrontiert, die behaupten, dass die Chatbots ihre Kinder zu Selbstverletzung und Gewalt ermutigt haben.

Ein besonders tragischer Fall ereignete sich, als der 14-jährige Sewell Setzer im Februar 2024 Suizid beging, nachdem er eine intensive Beziehung zu einem KI-Bot entwickelt hatte, der auf einem „Game of Thrones“-Charakter basierte. Im Mai 2025 entschied ein Bundesrichter in Orlando, dass die Klage gegen Character.AI und Google fortgeführt werden kann.

Neue Sicherheitsmaßnahmen und Regulierung

Als Reaktion auf die Kritik hat Character.AI mehrere Sicherheitsmaßnahmen implementiert. Das Unternehmen entwickelt ein neues Modell für Nutzer unter 18 Jahren, das seine Antworten zu bestimmten Themen wie Gewalt und Romantik reduziert.

Der texanische Generalstaatsanwalt Ken Paxton kündigte im Dezember 2024 Untersuchungen gegen Character.AI und 14 weitere Tech-Unternehmen wegen ihrer Datenschutz- und Sicherheitspraktiken bei Minderjährigen an. Im April 2025 forderten die US-Senatoren Alex Padilla und Peter Welch Informationen von AI-Chatbot-Unternehmen, einschließlich Character.AI.

Community-Reaktionen und Marktdynamik

Die Reaktionen der Community auf die neuen Features sind gemischt. Während einige Ersteller die erweiterten kreativen Möglichkeiten begrüßen, äußern andere Frustration über andere Probleme der Plattform. In Reddit-Diskussionen kritisierte ein Nutzer: „Warum werden die bestehenden Probleme nicht angegangen? Könnten Sie zum Beispiel Bots dazu bringen, meine Persona zu erkennen?“

Character.AI zieht vor allem eine junge Zielgruppe an – 53,29% der Besucher sind zwischen 18 und 24 Jahren alt. Die Nutzer verbringen durchschnittlich etwa zwei Stunden auf der Plattform, was deutlich mehr ist als bei anderen AI-Diensten.

Wirtschaftliche Aussichten und Bewertung

Character.AI erzielte 2024 einen Umsatz von 32,2 Millionen Dollar, gegenüber 15,2 Millionen Dollar im Jahr 2023. Für 2025 wird ein Umsatz von 50,1 Millionen Dollar erwartet, und bis 2032 könnten es über 250 Millionen Dollar werden.

Die Bewertung des Unternehmens stieg durch den Google-Deal von 1 Milliarde Dollar im März 2023 direkt auf 10 Milliarden Dollar, wobei Google 2,7 Milliarden Dollar für die Lizenzierung und das Team zahlte.

Ausblick: Innovation vs. Verantwortung

Character.AIs Expansion repräsentiert einen wichtigen Trend in der KI-Industrie: die Bewegung hin zu multimodalen Plattformen, die Text, Bild, Video und Audio nahtlos miteinander verbinden. Das Unternehmen positioniert sich damit als Pionier in einem Bereich, der das Potenzial hat, die Art und Weise zu revolutionieren, wie Menschen mit künstlicher Intelligenz interagieren.

Die Frage bleibt jedoch, ob Character.AI die Balance zwischen Innovation und Verantwortung finden kann. Interim-CEO Dominic Perella charakterisiert das Unternehmen als Entertainment-Plattform statt als AI-Companion-Service: „Was wir schaffen wollen, ist eine viel ganzheitlichere Entertainment-Plattform“.

Während die technologischen Möglichkeiten beeindruckend sind, werden die wahren Herausforderungen in der Implementierung robuster Sicherheitsmaßnahmen und dem Aufbau einer gesunden, kreativen Community liegen. Für die Millionen von Nutzern, die täglich mit KI-Charakteren interagieren, markieren diese Neuerungen einen Wendepunkt.

Die Zukunft wird zeigen, ob Character.AIs Vision einer immersiven, multimodalen KI-Welt die damit verbundenen Risiken rechtfertigt – oder ob die Plattform eine weitere Lektion in den unbeabsichtigten Konsequenzen fortschrittlicher KI-Technologie wird.


Ressourcen und Quellen:

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